Das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz und die systemische Reaktion der Wirtschaft

Normalerweise blogge ich ja mittlerweile auf Englisch, damit ich mit meinen internationalen Freunden verbunden bleiben kann. Doch das folgende Thema ist in meiner Wahrnehmung so derart „typisch deutsch“, sodass ich nicht umhinkomme mal wieder in der hiesigen Sprache einen Text zu verfassen. Es ist ein offener Brief an die vormalige Ministerin Andrea Nahles.

 

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Sehr geehrte Frau Nahles,

ich wende mich an Sie als ehemalige Ministerin für Arbeit und Soziales und die in ihrer Amtsperiode betriebene Verschärfung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG), welches hinsichtlich der Überlassungsdauer am 30.09.2018 in Kraft tritt.

Sicherlich enthält dieses Gesetz viele positive Aspekte, die ich gleich zu Beginn hervorheben möchte: Equal Pay ist mehr als überfällig und gehört auch gesetzlich verankert, da die Wirtschaft sich nicht in eine Selbstverpflichtung und Erfüllung von geschlechtsunabhängiger Entlohnung begeben hat. Staatlicher Druck tat not. Ebenso ist das Anliegen nachvollziehbar, schlecht bezahlte (Schein-)Selbstständige wie Paketboten oder andere Lieferhelden vor ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen zu schützen und diesen eine angemessene Altersversorgung zu ermöglichen.

Leider haben Sie mit dieser Verschärfung meinen Lebenstraum zerstört – naja, nicht ganz, doch dazu später mehr. Sie mögen sich nun fragen, was denn da kaputt gegangen sei. Die Antwort kann ich nur mit einem kleinen Ausflug in meine berufliche Biographie liefern.

1995 co-gründete ich einer der ersten Multimedia-Agenturen (heute: Digitalagentur) in Deutschland und entwickelt diese 20 Jahre lang. Die Agentur wuchs bis zu meinem freiwilligen Ausstieg auf mehr als 60 Mitarbeiten heran. Das Unternehmen war unter den ersten in Düsseldorf, die eine Ausbildung zum Mediengestalter angeboten haben. Das Unternehmen bietet heutzutage kostenfrei die Möglichkeit spontan das Kind mitzubringen und in einem eigenen Eltern-Kind-Zimmer zu arbeiten. Abgesehen von extrem-flexiblen Arbeitszeit-Modellen, um die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben zu gewährleisten. Die Firma unterstützt immer wieder dem Gemeinwohl dienende Initiativen und hat als eine der wenigen Agenturen in Düsseldorf einen Betriebsrat. Ich könnte noch mehr Beispiele nennen, doch ich will es kurz machen und wage zu behaupten: Ich habe es Zeit meines Lebens als Selbstverständlichkeit verstanden, dem Gemeinwohl zu dienen und dabei Geld zu verdienen.

So sah mein weiterer Lebensplan es vor, mein angesammeltes Wissen als sogenannter Agile Coach und Organisationsentwickler einzubringen und im Rahmen einer Freiberuflichkeit die zweite Phase meiner professionellen Entwicklung zu gestalten. Ich wollte von nun an ein freier Geist sein – 20 Jahre Verantwortung für andere Menschen zu tragen war genug. Und in die Sozialversicherung habe ich nie eingezahlt, weil mir immer klar war, dass ich mich um mich selber kümmern muss und dem Staat nicht zur Last fallen will.

Für diese zweite Phase gehe ich bewusst in Konzerne, weil ich dort viele Menschen erreichen kann, die von den Verbesserungen im Sinne der New Work, Arbeit 4.0 oder INQA profitieren können. Dieses Vorgehen (oder Geschäftsmodell) setzt voraus, dass ich eine Weile in der Organisation verbleibe. Es gilt die Faustregel: Je Komplexer desto länger, wenn ich denn eine nachhaltige Wirkung erzielen möchte und nicht nur ein Feigenblatt sein will – Veränderung braucht Zeit.

Daher kann ein Engagement auch mal ein bis drei Jahre bei einem wirklich großen Thema in Anspruch nehmen, obgleich ich permanent daran arbeite, dass der Kunde mich nicht mehr braucht (und übrigens nie in Vollzeit bei einem Kunden tätig bin, da dies dem freien Geist widerspricht).

Durch die Verschärfung des AÜG und insbesondere der abzuleitenden Sozialversicherungspflichten, kann ich diesen Traum nicht mehr umsetzen – die juristische Schrotflinte hat mich erwischt. Denn in einer systemischen Überreaktion beginnen nun viele Konzerne neue Richtlinien zu erlassen, die Freiberufler vor die Wahl stellt, entweder einen Kunden zu verlieren, sich (zu spät) bei der Rentenversicherung anzumelden und ca. 20% weniger Umsatz in Kauf zu nehmen, oder sich Zwangsanstellen zu lassen.

 

Somit komme ich zu vier Fragen:

Warum wurde im Gesetz nicht eine Einkommensgrenze gezogen die impliziert, dass Menschen mit einem entsprechenden Einkommen anscheinend in der Lage sind ihre eigene Existenz ohne Hilfe des Staates aufrecht zu erhalten – und zwar ein Leben lang? Warum gibt es da kein Grundvertrauen in den „Citoyen“?

Falls Sie in Ihrer damaligen Funktion darauf bedacht waren die schmalen Rentenkassen aufzufüllen, warum haben Sie das dann nicht offen adressiert? Ich kenne einige Freiberuflicher, die willentlich in eine Grundsicherung/Bürgerversicherung einzahlen würden. Warum nennt man uns nicht einfach die Steuerrate und gut ist? Liegt das echt „nur“ am Widerstand der CDU/CSU?

Wem nutzt diese Regulation? Sind es die kleinen, unabhängigen Berater, Programmierer, Projektleiter oder die großen amerikanischen Beratungsunternehmen?

Wem ist im Maschinenraum der wirtschaftlichen Realität gedient, wenn kleine unabhängige Freidenker nicht mehr wirken können?

 

Abschließend: Ich passe mein Geschäftsmodell nun den rechtlichen Gegebenheiten an, arbeite demnächst im gefühlten Multitasking-Modus und brauche länger, um ein Ergebnis beim Kunden zu erzielen. Die Kröte schlucke ich, auch wenn’s mich offen gestanden immer noch ärgert, dass ich dazu gezwungen bin.

Bin gespannt ob Sie die Zeit finden mir zu antworten. Ich würde auch auf einen Kaffee nach Berlin kommen, denn ich möchte wirklich gerne verstehen, warum das Gesetz auf diese Weise formuliert wurde.

 

Herzliche Grüße,

Mark Lambertz