Realitätsverzerrungsfeldknotenpunktverdichtungen im Top-Management

Kommunizierende Kommunikationen

Ufz. Gerne hätte ich zeitnaher zum Video von BSH Hausgeräte einige Zeilen geschrieben, doch mein eigener Umzug nebst den üblichen Widrigkeiten hielten mich davon ab, auf die schnelle ein paar Zeilen zu schreiben.

Mittlerweile hat sich das Chaos etwas gelichtet und so kann ich jetzt mit entsprechender Denkzeit ein paar Gedanken zum Film festhalten. Dies ist mit der leisen Hoffnung verbunden, dass die im Video agierenden Herren diesen Beitrag sogar lesen werden. Das ist vermutlich naiv von mir, hält mich aber nicht davon ab über diesen Kontext zu schreiben, weil diese Produktion für mich ein archetypisches Beispiel darstellt, wie „Kommunikation“ nicht gelingt bzw. unter diesen Umständen nicht gelingen kann …

Aaaauuuußer, dass ist eine von langer Hand geplante Viral-Serie die mit Klischees spielt und diese bewusst als Stilmittel einsetzt. Mega subtil. Quasi Business-Loriot auf allerhöchstem Niveau. Eine versteckte Gesellschaftskritik, die man sich meta-meta-mäßig selbst erdenken muss!

Jedoch hege ich Zweifel, ob dies tatsächlich nur die Ouvertüre für eine großartige Kampagne sein sollte, da ein Kommentar des BSH Social Media Teams nahelegt, dass das folgende Video tatsächlich ernst gemeint ist:

 

 

Es wäre nun ein leichtes spöttisch jede Passage auseinander zunehmen, zumal schon viele Kommentare den Ball aufgenommen und das naheliegende Bullshit-Bingo weitergespielt haben. Andere Kommentare handelten von der Bildästhetik, der Kleidung oder der empathisch wahrnehmbaren Rangordnung zwischen den Akteuren. Die folgenden Anmerkungen sind also als konstruktive Kritik zu interpretieren. Ich kenne ja weder das Briefing noch die handelnden Personen, sodass es mir billig erscheint, das übliche Manager-Bashing zu betreiben.

Was ich hinzufügen möchte

Meine Anmerkungen entspringen dem Versuch eine Haltung einzunehmen, welche erst mal bemüht ist die positiven Aspekte eines Kontextes zu finden und nicht direkt los zu dreschen. Natürlich werde ich die Produktion auch kritisieren, jedoch im Sinne eines Diskurses der dazu beitragen könnte, dass sich die Herren selbst reflektieren und möglicherweise zu nützlichen Einsichten gelangen, damit in Zukunft solche Machwerke das Haus nicht verlassen.

Was finde ich also gut?

Es ist lobenswert, dass das Top-Management sich vorstellen möchte. Face to the customer, so lautet eine gute alte Dienstleister-Regel. Es scheint wohl ein Anliegen gewesen zu sein eine gewisse informelle Situation zu kreieren, um die Distanz zum Kunden zu verkleinern. Des weiteren vermute ich, dass es auch das Ziel gab die Leidenschaft des Top-Managements für die Produkte und die besonderen Lösungen von BSH zu vermitteln. Das sie wirklich voll und ganz auf die Bedürfnisse des Kunden achten und das (Er-)Leben verbessern wollen. Das ist alles ehrenwert. Genauso gut finde ich die Reaktion auf die hämischen Kommentare der Nutzer, nämlich als es mehr oder weniger wortgemäß hiess: Wir haben verstanden. Das glaube ich gerne den Moderatoren des Facebook-Teams. Ich bin mir allerdings nicht so sicher, ob das auch bei den Akteuren angekommen ist, daher …

Was hat mir an dem Video nicht gefallen?

Leider wirklich alles. Doch der Reihe nach.

Die Sprache

Dazu scheint alles gesagt worden zu sein, sodass ich nur noch anmerken möchte: Es wäre dienlich das Cluetrain Manifest (1999) zu lesen und sich insbesondere die 15. These zu vergegenwärtigen:

Bereits in wenigen Jahren wird die heute homogenisierte „Stimme“ des Geschäftslebens — der Klang von Mission-Statements und Unternehmensbroschüren — so künstlich und aufgesetzt klingen, wie die Sprache am französischen Hof im 18 Jahrhundert. “

Als hilfreich könnte sich auch 23. These erweisen:

„Unternehmen, die sich „positionieren“ möchten, sollten dazu auch eine Position einnehmen. Im Idealfall sollte diese Position dann auch etwas mit dem zu tun haben, was den Markt interessiert.“

Mimik, Gestik & Spontanität

Warum wirkt das so bemüht und angestrengt und überhaupt nicht natürlich? Vermutlich, weil es nicht natürlich und verdammt anstrengend war 😉 Dieser Zirkelschluss liegt nahe, dass es vermutlich vieler Aufnahmen bedurfte, bis genug Material im Kasten war um daraus einen 90 Sekünder zu schneiden (Bewegtbild-Material erhöht ja die Conversion ;-)). Es hat leider aber etwas künstliches – gewolltes – sodass ich mir nicht viele Menschen vorstellen kann, die dabei ein Gefühl der Nähe entwickeln. Warum so formell? Soll das professionell wirken?

Die visuelle Ästhetik

Wenn die Produkte das Leben der Nutzer verbessern sollen, warum wird dann die Szene in einem sterilen, monochromen Raum aufgenommen? Warum sind die Produkte nicht zu sehen? Das passt leider auch zur unnatürlichen Sprache. Eine kühleres Sujet wäre kaum denkbar gewesen.

Gab es einen Reality Check?

Sind die Akteure sich der unweigerlichen Tatsache bewusst, dass diese in einer Filter Bubble leben, die aus biologischen Biases (z.B. Dunning-Kruger), Systemsprech und vielen weiteren Verzerrungen besteht? Das es also zwingend notwendig ist von „unabhängiger“ Seite zu überprüfen, ob „die Idee“ in irgendeiner Form anschlussfähig ist. Ob das überhaupt Sinn ergibt und eine Bedeutung für die „Community“ hat? Gibt es irgendjemanden der keine Angst davor haben muss den Zweck zu hinterfragen? Ist da irgendwer, der keine Rücksicht auf seine Karriere und Aufstiegsmöglichkeiten nehmen muss und klar sagen kann:

„Das könnt ihr schon so machen, aber dann isses halt KACKE.“

Falls die Antwort Nein lautet, würde ich mir Sorgen machen. Echte richtige Voll-Sorgen. Denn dann steuert man im Prinzip gar nix. Man glaubt den Laden in der Hand zu haben, aber tatsächlich steuert der sich als lebensfähiges System selbst. Die höfischen Rituale stabilisieren dabei gerne den Eindruck, das alles „unter Kontrolle“ ist. Doch in einer VUCA-Welt helfen Holzschnittartige 1:n Kommunikationen nicht weiter – sie werden schnell entlarvt. Probiert es lieber mit 1:1 bzw. n:n auf Augenhöhe. Zur Inspiration empfehle ich die Lektüre des o.g. Cluetrain Manifests.

Und jetzt mal so ganz unter uns: Man stelle sich einen jungen Menschen Ende 20 vor, der mit einer hervorragenden Ausbildung kurz vor der Wahl eines Arbeitgebers steht. Dann sieht er dieses Video. Was meinen Sie… würde er danach BSH attraktiver finden?

Herzlichst,
Mark Lambertz

 

By | 2017-01-29T15:25:49+00:00 August 10th, 2016|Categories: Grundsätzliches|Tags: , , , , |4 Comments

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4 Comments

  1. Lydia Krüger 10. August 2016 at 7:05 - Reply

    Oh, dieses Video war bisher an mir vorbeigegangen. Ganz ehrlich: Ich hab schon viel Schlimmeres gesehen. 🙂 Schön ist ja, dass das Netz heutzutage auf solche Zombie-Performances mit dem reagiert, was vielen Organisationen längst verloren gegangen ist: gesunder Menschenverstand. Viel wichtiger ist jedoch die Frage: Warum folge ich diesem tollen Blog noch nicht? Gleich mal ändern. 😉

    • Mark Lambertz 10. August 2016 at 8:51 - Reply

      Ja, es gibt natürlich noch viel Schlimmeres 🙂 Aber es ist mal wieder eine verschenkte Chance und ein Paradebeispiel für eine HORG 😉

      Und Danke fürs folgen. Man liest sich!

  2. Lydia Krüger 10. August 2016 at 11:32 - Reply

    Das mit dem Folgen hat nicht geklappt. Noch ein Versuch. 😛

  3. […] beschäftigt mich seit ein paar Tagen ein Kommentar von Lydia Krüger der mich zu der Frage geführt hat, ab welchem Moment in großen Organisationen […]

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