Über den Unterschied von Beschreiben & Verstehen

Folgt der Platine!

Auf einmal war sie da: Die PLATINE. Edel schaute sie aus und ein verführerischer Duft von Kolophonium vernebelte die Sinne derer, die sich in ihrem Umfeld befanden. Der harzige Geruch und das Funkeln des Metalls besaßen eine Anziehungskraft die ihresgleichen suchte, denn nie zuvor hatte jemand derartiges erblickt.

In den Geschichten der Altvorderen gab es zwar die Prophezeiung das eines Tages eine Platine erscheinen werde, welche alle Erscheinungen des Himmels und der Nacht zu erklären vermöge, doch das waren Geschichten die niemand so recht glaube mochte; zu fremdartig erschien die Vorstellung, dass es eine Platine wirklich geben täte. Man stelle sich vor! Doch sie war derart real dass nicht einmal die größten Skeptiker ihre Existenz leugnen konnten…

So begab es sich, dass sich die Menschen um die Platine scharrten und dieses faszinierende Ding bewunderten. Es dauerte nicht lang, da fragten sich die ersten mutigen Bewunderer: Was ist es? Wo kommt es her? Was mag es bedeuten? Wie funktioniert es?

Sodann zogen die mutigsten der Mutigsten los, voller Zuversicht der Platine ihre Geheimnisse entlocken zu können. Sie waren sich des Umstandes bewusst, dass nicht alle von dieser Reise wiederkehren würden, doch sie waren bereit den Preis für die Wahrheit zu zahlen – ohne Opfer kein Fortschritt, da waren sie sich sehr sicher, denn sie spürten Bedeutung.

Die Ungestümen taten, was ihrer Natur entsprach und leckten sofort an den kupferfarbenen Linien. So geschah es, dass jene tollkühnen Recken noch die Phrase „Es schmeckt metallig“ auszurufen vermochten, bevor diese mit Blitzen und wildem Gezische verschieden, verziert mit einem eingefrorenen Lächeln das eine tiefgründige Zufriedenheit ausstrahlte.

Diese tragischen Ereignisse hielten die anderen Recken jedoch nicht davon ab sich der Platine zu nähern. Diesmal wollten sie nicht der Verlockung erliegen, diese merkwürdigen Elemente und Muster der Platine mit der Zunge zu erkunden. Gleichwohl war sich die verbliebenen Schar nicht einig, wie denn nun weiter zu verfahren sei. Sollte man vielleicht einen Stock verwenden und mal drauf klopfen? Oder gäbe es womöglich andere Möglichkeiten das Wesen der Platine zu erkunden?

Einige meinten, man müsse einfach auf ein Zeichen warten und sollte das Ableben der ungestümen Kameraden als ein warnendes Signal verstehen. Eine andere Fraktion vertrat die Auffassung, dass eine passive Haltung nur eine Verzögerung des Erkenntnisgewinns bedeute, also Handeln das Gebot der Stunde sei. Es erwuchs ein Streit zwischen den Fraktionen mit den üblichen Beleidigungen und persönlichen Verletzungen.

Kurz um: Die Fraktion der „Macher“ beschloss dem Geheimnis der Platine auf den Grund zu gehen und die tödliche Erfahrung der ersten Generation der Platinen-Lecker als mahnenden Hinweis zu lesen und mit entsprechender Vorsicht vorzugehen.

So wählten die Macher den Klügsten aus ihren Reihen aus und versahen ihn mit einem Schutzanzug aus fachgerecht gegerbtem Leder. Stolz sah der edle Recke aus und Jungfrauen sangen Loblieber während einer Vollmondnacht, in welcher Schwäne anmutig über den See glitten. Die Lautenspieler gaben ihr bestes um dem Helden Kraft, Mut und Zuversicht zu spenden.

Hossa! Der Morgen brach an und der Recke begab sich auf den Weg um dahin zu gehen, wohin noch nie ein Mensch gegangen war! Zielstrebig nahm er sein Schwert und berührte ein Beinchen eines Kondensators – nichts geschah.

Feine Schweissperlen bildeten sich auf der markanten Stirn des mutigsten der Mutigen; denn es war klar, dass dies nicht alles gewesen sein könnte. Und klug war die Wahl der „Macher“, denn der edelste unter den Edlen ersonn einen Plan: „Was würde wohl geschehen, wenn ich zwei Kontaktpunkte berührte? Könnte es möglich sein damit eine neue Energie emergieren zu lassen?“

Gefragt – getan: Er nahm seinen prächtigen Bi-Händer und verband die beiden Kontaktpunkte des Kondensators….

Zunächst dachte der Recke das nichts geschähe bis auf einmal eine zunächst bläuliche Plasma-Erscheinung sichtbar wurde die das Schwerte zum glühen brachte. „Mehr Licht“ waren die letzten Worte welche der Held der Macher ausstoß, bevor er unvermittelt zuckend die Augen verdrehte und mit leicht verkrampften Blick dahin schied.

Ein großes Oh und Ah war zu hören und eine Legende ward geboren: Die Mär vom Märtyrer des heiligen Kondensators. Lieder, Gedichte, mehrstimmige Chöre, ja sogar Theaterstücke wurde kurz danach geschrieben um den selbstlosen Einsatz des Helden zu loben und als Quell der Inspiration zu würdigen. Natürlich wurden auch Schulen, Kindergärten und Konzern-Kantinen fortan nach dem furchtlosen Inspirateur de Condesateur benannt.

So begaben sich im Verlaufe der Zeit weiteren Helden auf die Reise und brachten erstaunlichste Erkenntnisse mit (also jene die ihre Exkursionen überlebten, denn es sollten noch weitere Gesandte dahingerafft werden):

  • Da waren die LEDler die herausfanden, das eine kurzzeitige Verbindung von Pin 7 mit Lötpunkt 44 ein auflodern der LED evozierten.
  • Andere berichteten von anderen Phänomenen die davon handelten, dass die Verbindung von Pin 19 mit dem 10k Ohm-Widerstand einen Funkenflug erzeuge, der seinesgleichen sucht.
  • Die letzte Gruppe der Macher wiederum wollte die Paradoxien der LEDler und Widerstandler integrieren und verfassten ein Manifest der funkenden Lampe (fortan auch bekannt als die 7/44/19er). Das waren die Lieb-Integrativen, die alles stets mit dem „pulsieren des Lebens“ zu erklären trachteten. Ihrer Theorie zufolge sollten einfach alle nett zueinander sein, dann würden sich die Geheimnisse der Platine von allein enthüllen. Sie versprachen sogar einen Bewusstseins-Sprung für all jene, welche die 7, 44 und 19 zu transzendieren wussten!

Es sollte im Verlauf der Geschichte noch viele weitere Beschreibungen der Phänomene rund um die Platine auftauchen, jede mit einer leicht variierten Erklärung der Geschehnisse und ihrer Bedeutung. Jedoch unterschieden sich die jeweiligen Erklärbär-Strömungen deutlich bzgl. ihrer Rituale, Symbole und Codes mit denen sich sich untereinander verständigten.

So kam es wie es kommen musste: Es entstand Zwist zwischen den Fraktionen; da waren die „machenden Macher der erleuchteten LED“ und die „nihilistischen Skeptiker der beleckten kondensatorischen Erkenntnis“. Die Demagogen verbreiteten ihre Botschaften zunächst in den Großstädten von Platinistan, doch erst in den Dörfern gelang es den Hetzern des jeweiligen Lagers das volle Ausmaß des Konfliktes zu entzünden: Nachbarn, welche zuvor über Jahrzehnte hinweg friedlich miteinander gelebt hatten, grüßten sich auf einmal nicht mehr. Kinder der unterschiedlichen Fraktionen war es plötzlich nicht mehr gestattet miteinander zu spielen. Es entstanden No-Go Areas und der Zwist saß tief.

Die fundamentalistischen „Leck-Adepten“ radikalisierten sich immer mehr, denn sie fühlten sich von den neuen Strömungen der „Lehre von der heiligen progressiven Platine“ zu unrecht als veraltet verspottet. Sie beschlossen das es an der Zeit wäre den modernen Strömungen Einhalt zu gebieten – schließlich waren sie die Hüter des Wissens um den ersten Kontakt mit der Platine! Nicht wenige meinten das nur die Leck-Adepten dazu berechtigt seien zu entscheiden, welche Lehre denn nun die einzig Wahre ist.

Und dann kam von irgendwo einer her und hatte die Gleichungen von Maxwell im Gepäck.

Ende.

By | 2017-02-25T15:58:04+00:00 Februar 25th, 2017|Categories: Grundsätzliches|0 Comments

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