Warum ich gerne von Kollegen spreche

Über Kollegen, Hierarchie und Humor

Organisationsdiagramme

In meiner Zeit als Geschäftsführer kam ich nicht umhin, einen passenden Begriff für jene Menschen zu finden, die für anyMOTION arbeiten. Von je her hatte ich ein Problem von der Mitarbeiterin bzw. dem Mitarbeiter zu sprechen. Es erschien mir auf eine sublime Art und Weise zu distanziert und spiegelte nicht die Arbeits-Atmosphäre wieder, die wir zusammen erschufen.

Der Begriff hat für mich eine negativ besetzte Konnotation, da die Wortbestandteile „Mit“ und „Arbeit“ den Eindruck erwecken, als seien dies meine Untergebenen gewesen. In einer ultimaten Entscheidungssituation mag dies vielleicht auch so gewesen sein (vgl. Stafford Beer, Dämpfung von Oszillationen), doch zum überwiegenden Teil waren das keine Mitarbeiter, sondern im beruflichen Sinne: Kollegen.

Etwas Etymologie

Die Wortherkunft collega  für „Amtsgenosse“ interpretiere ich so, dass auf Augenhöhe gearbeitet wird, dass jeder Einzelne Teil eines größeren Ganzen ist, welches erst durch die unterschiedlichen Fähigkeiten dazu befähigt wird, besondere Dinge zu tun (z.B. Autos bauen, Filme drehen, Fussball spielen). In der Umgangssprache hat sich die Bedeutung des „Machen die gleiche Arbeit“ durchgesetzt, wenngleich auch damit „alle in einem Betrieb arbeitenden Menschen“ gemeint sein kann.

Hierarchie & Heterarchie sind Alltag

Daher hat in der Praxis der Begriff Kollege für mich noch eine weitere Dimension zu bieten. Im Bereich der Software-Entwicklung besteht ein wesentlicher Aspekt darin zu verstehen, was der Kunde eigentlich haben möchte und demzufolge braucht. Wenn wir also eine Anforderung gemeinsam analysierten, waren die unterschiedlichen Sichtweisen nicht nur wertvoll sondern zwingend notwendig, um den Gesamtkontext zu verstehen und dann Pläne zu schmieden, die in einer brauchbaren Lösung münden.

Hierbei habe ich als Führungskraft ja selbst niemals alle Fähigkeiten besessen, um das Problem, bzw. die vielen Teilprobleme zu lösen. Ich brauchte immer Spezialisten in unterschiedlichen Disziplinen, die letztendlich autonom entschieden haben, welche Werkzeuge wie angewendet werden, damit ein Teilgewerk entstehen kann und die nächste Instanz in der Wertschöpfungskette mit den Ergebnissen weiterarbeitet. Das Verbinden der Teile war meine eigentliche Aufgabe als Führungskraft, das optimieren der Schnittstellen und die Pflege der „Kommunikation“. Hierarchie hatte von jeher einen ganz anderen Sinn für mich, sodass ich lieber nicht mit Mitarbeitern arbeiten wollte, sondern lieber mit Kollegen. Dies sind übrigens auch genau die Einsichten, die ich am Viable System Model so schätze:

Ein ganzheitliches Management-Denken bedeutet das Ganze und seine Teile gleichzeitig zu denken. Kollegen sind für mich funktional miteinander vernetze Menschen, die nur dann gemeinsam erfolgreich sein können, wenn disziplinarische und fachliche Macht kontextuell durch die Gruppe fließt, damit smarte Entscheidungen getroffen werden können. An dieser Stelle zeigt sich auch wieder, dass Flow-Momente und Wertschöpfung kein Widerspruch sind.

Kontextuell, Temporär, Funktional

Insofern enthält der Begriff des Kollegen die Idee von einem Hierarchie-Begriff der durch den Kontext, Zeitpunkt und die funktionalen Rollen der im Wertschöpfungsprozess Beteiligten bestimmt ist.

Klingt abstrakt? Ist es aber gar nicht, sondern eine alltägliche Erfahrung: Sie ist oft in jenen Situationen erlebbar, in denen eine Führungskraft einen Wissensarbeiter bzgl. seines Expertenwissens befragt. In diesem Moment ist die Führungskraft nämlich nicht mehr in Führung (neudeutsch: im Lead), sondern der Wissensarbeiter – die Abhängigkeiten verkehren sich – eben zu genau diesem Zeitpunkt und in diesem Kontext.

Natürlich hätte ich in diesen Situationen wie ein Gorilla brüllen können um meinen Bedarf nach „sicherem“ Wissen einzufordern (und leider ist mir das in all den Jahren auch ein paar mal passiert…). Aber wenn ich einigermaßen beisammen war, habe ich versucht die Rahmenbedingungen dafür zu optimieren, dass der Wissensarbeiter sein Potenzial ungestört abrufen kann. Auf zwei Aspekte reduziert: Vertrauen schenken und ein gemeinsames Risikoverständnis hinsichtlich der Auswirkungen der zu treffenden Entscheidung etablieren – die Szenarien kennen und sich auf das wahrscheinlichste einigen. Sinngemäß lautet der dazugehörige Satz: „Ich vertraue Deiner Kompetenz und trage mit Dir zusammen die Verantwortung für das Gelingen.“

Etwas verspielt formuliert: Nur weil ich entscheide, dass Du entscheidest, heisst das nicht, dass ich keine Verantwortung mehr trage. Wir teilen uns diese – genauso, wie ich Stafford Beer interpretiere: Die Lebensfähigkeit steigt, wenn Macht im System verteilt wird. Und defacto ist die ja auch schon verteilt, siehe das obige Beispiel. Also sollten wir doch endlich damit aufhören so zu tun, als könnten Führungskräfte alles Wissen, alles Können und jederzeit zu 100% parat sein. Ashby’s Gesetz über die erforderliche Varietät verlangt nach einer bewussten funktionalen Verteilung von Hierarchie und Autonomie – genau das bietet das Viable System Model.

Humor und Kollegen

Abschließend möchte ich noch ein Verzällches loswerden, eine vergleichsweise simple Methode um in stressigen Situationen mit den Kollegen etwas Druck abzubauen, damit das Gehirn wieder „richtig“ denken kann: Humor. Ganz platt: Zusammen lachen. Man mag mir Vorwerfen, dass ich mich manchmal wie ein Pausenclown verhalte, damit kann ich gut leben. Denn die Trefferquote ist einfach zu hoch und die Wirksamkeit zu gut, als das ich davon lassen könnte. Gemeinsames lachen hilft immer – und besonders in schweren Stunden tut es gut wenn die Mundwinkel die Ohrläppchen besuchen 🙂

Wichtig ist mir noch darauf hinzuweisen, dass ich mich selbst als wirklich vollkommen schmerzfrei betrachte wenn es darum geht mich selbst zu verarschen. Man sagt ja auch, dass der Chef immer mit gutem Beispiel vorangehen soll.

 

By | 2017-01-29T15:25:49+00:00 August 11th, 2016|Categories: Grundsätzliches|Tags: , , , , , , |0 Comments

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